Wer nichts kann, der führt oder: lass mich dein Sklave sein

Wir leben im 21. Jahrhundert und es ist ein fulminanter Fortschritt zu beobachten: Sklaven wurden mit Lohn-Sklaven ersetzt und Hierarchie mitsamt Führung findet nicht mehr auf Baumwollfeldern statt, sondern in Konzernen, Unternehmen oder Agenturen. Wie besingt es Kraftklub so schön: Ich sage ja, ich meine nein – lass mich dein Sklave sein!

Vor kurzem ersuchte mich ein böser, ganz schlimmer Traum – ich träumte, dass mein selbstbestimmtes Leben in Freiheit urplötzlich vorbei war. Mein Leben der letzten vier Jahre, die ich damit verbracht habe, eloquente Bücher zu schreiben, nebenher zu kellnern, freiberuflich Werbetexte zu verfassen und erste Schritte als Unternehmerin zu wagen. Dann entschied ich mich in meinem bösen Traum dafür, dass es wohl klug wäre, mal wieder bedeutend mehr Geld zur Verfügung zu haben, um dieses in meine Herzens-Projekte zu investieren. Folglich suchte ich mir eine Tätigkeit, die ich gut kann und die ich liebe: Texte schreiben. Nicht freiberuflich, sondern fortan in einer 35 Stunden Büropflicht-Anwesenheits-Geschichte, denn zu 40 Stunden war ich nun wirklich nicht bereit.

Dieser Traum war wirklich skurril, denn es fiel mir wahrhaftig schwer, nach vier Jahren ohne Wecker, mir wieder einen Wecker zu stellen und diesem Tag um Tag Gehör zu schenken. Zuvor schrieb ich oft ganze Nächte durch und so ward mein Körper einen flexiblen Schlafrhythmus gewohnt. Zum Glück klappte das Aufstehen mit Unterstützung meines geliebten Kaffees sodann ganz passabel, und ich freute mich – wie sagt man doch so schön – auf eine neue Herausforderung.

Gleichberechtigung? Wieso stellen dann Frauen immer noch Telefonate zu wichtigen Männern durch?

Doch dann passierten sogleich merkwürdige Dinge in diesem Traum, und ich beginne mit einem diktatorischen Beispiel. Eines sonnigen Tages erhielt ich einen Anruf von einer Dame, die mich fragte, ob ich für einen wichtigen Mann zu sprechen sei. Ich wunderte mich geflissentlich. Weshalb ruft der wichtige Mann denn nicht selbst an? Es erschien mir, als sei ich die gute Alice, doch der Ort meines Traumes war nicht das Wunderland, sondern das Führungsland. In jenem braucht es offenbar Menschen, die Macht demonstrieren und Menschen führen, indem sie Anweisungen erteilen, um anderer Menschen Zeit zu füllen. Die Dame war wirklich sehr freundlich und erledigte die ihr zugetragene Aufgabe des Durchstellen eines Telefonanrufes gewissenhaft. Ich muss sagen, der wichtige Mann war auch freundlich und es war ein angenehmes und ergebnisorientiertes Gespräch, nichtsdestotrotz fühlte sich die feministische Emanze Alice nicht ganz wohl im Führungsland. Ich meine, umgekehrt macht es die Sache auch nicht besser, sprich wenn eine wichtige Frau einen Mann damit beauftragt, Telefonate durchzustellen, nur kommt das ja irgendwie nicht ganz so häufig vor. Jedenfalls mag Alice diese respektlose als gleich dominante Art von Führungsstil im Führungsland so überhaupt gar nicht. Im Wunderland bezahlt man nämlich andere Menschen nicht dafür, Telefonate durchzustellen, außer man macht es, um dem anderen einen Streich zu spielen und ihn so zum Lachen zu bringen. Aber vielleicht gibt es im Führungsland ja desgleichen einen Zaubertrank und der wichtige Mann hatte ihn kurz vorher getrunken und ward nun so groß, dass er den Hörer einfach nicht mehr greifen konnte und jemanden brauchte, der mit seinen kleinen filigranen Fingern die Ziffern eingab und ihm sodann die Lautsprechertaste drückte.

Überholte Strukturen mit unflexiblen Arbeitszeitmodellen

Das Führungsland war jedenfalls generell sonderbar. So ward Alice von ihrer weiblichen Vorgesetzten ständig hinsichtlich ihrer waghalsigen Kreativität ausgebremst und das ärgerte Alice unschätzbar. Zudem schrieb die fleißige Alice die meisten aller Texte und sie schrieb sehr gute Texte und fragte sich, was ihre Vorgesetzte eigentlich den ganzen so Tag so trieb, außer dauernd zu stöhnen, zu meckern, zu fluchen, sich zu meeten, Alice und ihre Kollegin zu kontrollieren sowie Arbeit zu delegieren ohne jeglichen Kompetenz-Beitrag. Frei nach dem Motto: Wer nichts kann, der führt. Diese Konstellation der einseitigen Bewertung sowie unausgewogener Produktivität gefiel Alice nicht und so kam es mit der Zeit immer häufiger zu Auseinandersetzungen zwischen Alice und ihrer weiblichen kinderlosen Vorgesetzten, denn diese gab Alice immer wieder zu verstehen, dass sie keine eigene Meinung haben darf und es wurde ihr immer wieder gesagt, sie solle mit Kritik vorsichtig sein, dabei diente diese doch, das Ergebnis, sprich in diesem Fall Texte, zu verbessern. Obendrein wagte es die Vorgesetzte einen Aufstand zu betreiben, wenn Alice mal fünf Minuten nach 10 Uhr im Büro erschienen ist, dabei war Alice an jedem einzelnen Tag produktiver als ihre Vorgesetzte, selbst wenn Alice erst um 15 Uhr im Büro erschienen wäre. Lustig fand Alice auch so manche E-Mail ihrer Führungskraft wie: „Machst du dir bitte ein paar Gedanken zu dem XY-Meeting, das heute mittag stattfindet?“. Die Führungskraft saß doch direkt neben Alice, wieso sprach sie dann nicht mit ihr und zudem stellte sich Alice die Frage, ob sie denn nun wirklich jemanden brauchte, der sie ans Denken erinnert? Alice fand das alles sehr sonderbar, erfreute sich aber insgeheim an einer Erdogan-Karrikatur, die sie eines Abends bei einem Glas Wein von ihrer Vorgesetzten und ein paar anderen der ominösen Führungskräfte zeichnete.

Jedenfalls träumte Alice den Traum im Führungsland noch ein bisschen weiter, denn der Monat Mai und Juni lagen noch vor ihr, und Alice freute sich schon auf die ganzen vielen Feiertage, die bevorstanden, doch dann wurde ihr gekündigt, weil Alice mehrmals gefragt hatte, ob man ihren Vertrag nicht in eine freie Mitarbeit als Texterin umwandeln könne und Alice sich so gar nicht daran gehalten hatte, sich 35 Stunden in der Woche zu verstellen. Alice fand es sehr traurig, dass ihre Arbeit im Führungsland nicht nach der beispiellosen Qualität ihrer Texte beurteilt wurde, sondern nach ihren utopischen Wunderland-Vorstellungen, die so überhaupt keine starren Arbeitszeiten inklusive „Zeit absitzen“ und ebenso wenig Führungskräfte beinhalten, sondern vielmehr flexible Arbeitszeiten und Entscheidungsträger und wenn man vielleicht von Regeln sprechen kann, dann wohl eher von anarchisch geprägten. Die braucht es nämlich im verrückten Wunderland. So wie scharfsinnige Lehrer und geduldige Mentoren. Es braucht unbedingt und zwingend Menschen, die Entscheidungen treffen und andere Menschen Wissen lehren. Wie man Tee kocht zum Beispiel. Gut, man kann es auch selbst ausprobieren, wie lange man den Tee ziehen lässt, aber es bedeutet eine Zeitersparnis, wenn solch ein Wissen weitergegeben wird. Desgleichen muss irgendjemand entscheiden, welche Uhrzeit der vielen verschiedenen Uhren denn nun die maßgebliche ist, sonst kommt ein Treffen einer Verabredung nicht zustande. 

Im Wunderland gibt es jedenfalls keine sinnlosen Anwesenheitspflichten, um Arbeiten zu erledigen. Der Märzhase tunkt die Uhr so lange hintereinander in die Teetasse, bis sie funktioniert. Im Führungsland hingegen wird gerne kontrolliert. Dass das aber eigentlich keine Kontrolle ist, erscheint Alice merkwürdig und gleichsam eigenartig. Die Menschen arbeiten ja gar nicht ihre ganze Arbeitszeit über, sie quatschen zum Beispiel zwischendurch miteinander über private Themen oder shoppen online oder buchen Urlaubsreisen in ihrer Arbeitszeit. Wieso legt man denn eine Anwesenheitspflicht fest, die man ja dann doch irgendwie gar nicht kontrollieren kann? Weshalb traut man erwachsenen Menschen nicht zu, dass sie selbst entscheiden, wann, wie und wo sie die Uhr am besten in die Teetasse tunken? Letztlich wollen wir doch alle eine funktionierende Uhr – außer vielleicht, wenn wir Liebe machen, denn dann steht die Zeit ja sowieso still.

Meine Meinung zu existenten Bürokulturen: 

Ein Gebrauch, wovon der Bruch mehr ehrt als die Befolgung 

– William Shakespeare – 

Jedenfalls bin ich dann in meinem Traum irgendwann aufgewacht und habe mich gewundert über diesen Traum im Traum. Ich ging eine Runde mit meinen Hund spazieren, und dann sah ich da urplötzlich ein weißes Kaninchen. Es huschte vorbei und winkte mir mehrmals als gleich eifrig zu, ihm zu folgen. Da Alice keinen wichtigen Meetings mehr im Führungsland beiwohnen musste und überdies nicht mehr 148.713 Mails zu checken waren, nahm sie die Einladung des freundlichen Kaninchens an. Gleichzeitig ersuchte mich ein erquickliches Déjà-vu, denn ich war dem weißen Kaninchen ja bereits schon einmal gefolgt, und an diese Zeit hegte ich ausnahmslos wunderschöne Erinnerungen. Es erschien und erscheint mir ein bisschen verrückt, aber irgendwie auch ausgesprochen paradiesisch, dass ich jegliche Arbeiten nun wieder unter sinnvollen Rahmenbedingungen tätige. Wenn ich kellnern gehe, dann tue ich das zu der Zeit, wenn Gäste da sind, und nicht wenn das Restaurant leer ist. Wenn ich Bücher schreibe, dann, weil mich Gedanken und Fantasie übermannen und ich diese sodann zu Papier bringe. Mal zehn Stunden am Stück, mal zehn Minuten. Wenn ich in das Büro ins Gründerinnenzentrum meines Start-up Unternehmens  fahre, dann weil es Aufgaben zu erledigen gilt, ohne deren Erfüllung das Projekt nicht realisiert werden kann. Das erfolgt mal um 8 Uhr in der Früh und mal um 16 Uhr nachmittags. Mit dieser ergebnisorientierten Motivation betrachte ich auch meine Arbeit als Texterin. Da schreibe ich gerne und bereitwillig Texte, wenn jemand Texte braucht, aber wieso muss ich mich deshalb meiner Freiheit berauben lassen und wieso muss mich jemand führen?

Die Begrifflichkeit „Führungskraft“ an sich ist schon in Anbetracht ihres Wortsinnes irreführend, denn sie impliziert „Führung“ und erwachsene Menschen müssen nicht geführt werden. Erwachsene Menschen erledigen Aufgaben und je mehr man ihnen dabei Freiheit schenkt, desto produktiver gestaltet sich das Ergebnis. Zudem hat die Digitalisierung uns Laptops und Smartphones geschenkt, warum zur Hölle überdenken und hinterfragen wir dann nicht einfach einmal das ganze System der starren 40- beziehungsweise 35-Stundenwoche?

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