Über die Schizophrenie des Glücks und wie man sie mäßigen kann

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Das Glück und schizophren? Ein koketter Aprilscherz?

Bewusstseinsspaltung, weithin auch als Schizophrenie bekannt, schleicht sich oftmals heimtückisch an. Je nachdem, wie emotional der Patient gestrickt ist, kämpft er einen leidigen Kampf mit sich selbst und der eigenen Gefühlswelt. Schizophrenie ist nicht gleichzusetzen mit Ambivalenz, welche die Zerrissenheit unserer Gefühle und Bestrebungen desgleichen impliziert, doch war es für den Schweizer Psychiater Eugen Bleuler das Hauptsymptom. Darüber lässt sich sicher streiten, allerdings liegt die Essenz dieses Beitrages auf anderer Thematik. Genau genommen auf dem besorgniserregenden Krankheitsbild des Glücks!

Wie soll das Glück denn bitte schön schizophren sein können…

…mag manch einer just laut denken. Beglückend, erquickend, behaglich: Ja! Aber schizophren? Und ambivalent? Ambivalenz ist doch eigentlich Männersache. Erst umgarnt, beziehungsweise im befriedigendsten Falle, stößt er sie in den Himmel, ehe zeitnahe Besinnung erfolgt. Komplimente und Samen verlangen gerechte Verteilung. Aber zurück zur Waage der Seele. Schizophrene nehmen zwei Wirklichkeiten wahr, zum einen die reale und zum anderen eine gefärbte – gefärbt von Sinneseindrücken, Gefühlen und Erlebnissen. Nebst der Wahrnehmung verändert sich auch das Verhalten. Viele ziehen sich privat und beruflich zurück – manche sehen gar Dinge oder hören Stimmen, die nicht vorhanden sind. Gedanken wandeln orientierungslos, bloß noch bedingt steuerbar, bis hin zum Realitätsverlust.

Und all das soll auf das samtige Glück zutreffen? Fakt ist: Kein Mensch dieser Welt fühlt 24/7 Glück!

Meistens durchleben wir an ein und demselben Tag ambivalente Gefühlswelten. Gedanken mischen Realität und Schein. Alles in unserem Kopf, alles von uns selbst gepflanzt. Begossen von Regen, erhellt von Sonnenstrahlen und aufgewirbelt von Sturmböen. Nicht selten waltet so ein Wettertreiben mit einer Unberechenbarkeit, die schaurig gemein sein kann. Negativ als gleich positiv. Das schizophrene Glück kommt und geht und exakt diesen Teufelskreis spüre ich persönlich derzeit oft und intensiv.

Morgens tanze ich zu meinem Lieblingslied (#tryme) durch die Wohnung und zehn Minuten später übermannt mich Nachdenklichkeit. In Begleitung von einer Tasse Kaffee durchleuchte ich mein Leben und frage mich, ob das alles so richtig ist. Die Art und Weise, wie ich lebe. Vor zwei Jahren kündigte ich meinen sicheren und gut bezahlten Bürojob, um fortan einem Traum zu folgen: Ich schreibe und verdiene Geld damit – die Kellnerjobs bieten später lustige Anekdoten für Oprah. Faktisch betrachtet bedeutet das in Summe weniger Geld und mehr Zeit. Wertvolle Zeit, um weitere Bücher zu schreiben und spaßbringende Geschäftsideen zu ergründen, aber ebenso um mich mit Freunden zu treffen, ein gutes Buch zu lesen oder eine Gesichtsmaske aufzutragen. Ich bin glücklich mit meinem Leben, zufrieden, und versuche jeden Moment zu genießen.

Und doch ersucht sie mich heimtückisch – die Schizophrenie des Glücks! Urplötzlich werde ich wütend. Wütend und vielmehr traurig – auf die Welt und vor allem aber auf mich selbst. Weil mir noch keine geniale Marketingaktion für mein erstes Buch gelungen ist und ich nicht längst viel weiter mit dem zweiten bin. Dann kommen diese fiesen Selbstzweifel, denn es flattert nicht jeden Tag eine enthusiastische E-Mail oder Fünf-Sterne-Rezension herein, die effizienter als jedes Glas Sekt prickelt. Nein, denn da gibt es genauso die aneinandergereihten Tage, an denen ich kein einziges Buch verkaufe, und dann bin ich frustriert und hinterfrage mich kritisch, meine Schreibkompetenz inbegriffen. Ähnlich verhält es sich mit der lieben Liebe, auch hier nehme ich die eigene Kompetenz öfter mal ins Kreuzverhör. Zeige ich ihm zu wenig oder zu sehr, dass ich ihn mag? Diese Frage setzt voraus, dass es jemanden gibt, den ich mag. Manchmal ist da niemand, manchmal schwirren mir mehrere im Kopf herum. Meistens jedoch ist es nur ein Einziger und ich vermute jedes Mal waghalsig die große Liebe. Träume verzückt von einer gemeinsamen Zukunft und gebe unseren zehn ungeborenen Kindern Namen. Donnerstagabends erscheint mir mein Singledasein gütig, montagabends einsam. Ich liebe es zu flirten und finde es wahnsinnig aufregend, Feuer zu fangen. Geküsst oder vielleicht sogar verführt zu werden. Zurück zu Montagabend. Läuft „Bauer sucht Frau“, sehne ich mich unwiderruflich nach Liebe anstelle alkoholisierter Flirts. Am allerschlimmsten darbt jenes Verlangen morgens. Wenn ich alleine aufwache und keine wohlgeratene Männerbrust neben mir liegt, in die ich mich nestelnd einkuscheln kann. Dann weine ich Engelstränen um einen Wolke 7 – Mann!

Sind wir nicht eigentlich am Leben, um zu lieben und zu sein?

Trefflicher als Andreas Bourani kann man die simple Formel hinein ins Glück wohl nicht auf den Punkt bringen, doch faktische Weisheiten sind bisweilen einfacher gesungen als gelebt. Denn bisweilen macht dieses wibbelige Gespinst namens Glück, was es will und man selbst hadert mit dem penetrierenden Gefühl gänzlichen Kontrollverlusts. Schließlich folge ich ja seit geraumer Zeit konsequent der reinen Stimme meines Herzens, um jenen inneren Frieden mitsamt dieser eigentümlichen Glückseligkeit zu finden, doch will mir der Sieg nicht gelingen. Jedenfalls nicht durchweg.

Aber ist das nicht auch utopisch? Ängste, Schmerz und Trauer gehören zum Leben und Lieben dazu – ohne Regen erstrahlt kein Regenbogen dieser Welt! Die alles entscheidende Frage muss deshalb doch lauten, wie sich die Schizophrenie des Glücks mäßigen lässt. Wie man die Wetterfühligkeit so konditioniert, dass ein wunderschönes Blumenbeet in voller Pracht erblühen kann und ein Regenbogen fulminanten Zauber versprüht.

Mir geht es stets besser, wenn ich mir Plan Z, Y und X vors Auge führe. Sprich längst vergangene Alternativen zu meinem jetzigen Leben mit all seinen Stützpfeilern. Insbesondere jene, die nicht im Einklang mit dem eigenen Herzen waren. Single zu sein, erscheint mir stur, obgleich mit leidenschaftlichen Liebschaften gespickt, nicht erfüllend, dennoch fühle ich mich damit wohler als mit einer entliebten Beziehung. So lange mein Herz befähigt ist zu lieben, werde ich nicht kapitulieren! Und die Kombination „Schreiben / Leben / Träumen“ bereitet mir unbestritten mehr Spaß als Exceltabellen anzufertigen, massenhaft unwichtige E-Mails zu verfassen und grotesken Telefonkonferenzen beizuwohnen.

Mit mir selbst im Reinen zu sein, lässt mich meinen Glücksweg wohliger tapsen. Ich möchte Zeit in die Projekte investieren, für die ich brenne und meine fixen Kosten gesichert wissen. Desgleichen möchte ich weiter an meinen Wolke 7 – Mann glauben, an den Seelenverwandten, der mich versteht, mag und beglückt. So manch eine Verletzung erschwert dieses Unterfangen nachhaltig und somit sind wir wieder beim Hinterfragen dieses verflixten Selbstwertgefühls. „Sei nicht so hart zu dir selbst, es ist ok, wenn du fällst“, höre ich Andreas Bourani an dieser Stelle singen!

Ja, es ist ok! Denn genau das kann passieren, wenn man anfängt Risiken einzugehen. Aber anstatt sich zu bemitleiden, könnte man ja auch einfach mal stolz auf sich sein, dass man etwas gewagt hat. Was riskiert hat. Es ist nicht verwerflich, die Person des Herzens spüren zu lassen, dass man sie gerne mag. Mit stöhnendem oder tränenreichem Ausgang. Beruflich eine Veränderung zu wagen, mit bereicherndem Ausgang. Wenn wir aufhören zu vertrauen, versiegt die Menschlichkeit.

Finde deine Stimme

Ängste lähmen, Zutrauen gewährt Hoffnung. Nebst Andreas Texten bewundere ich seine wunderschöne Stimme, die ich euch gerne leihen würde, aber ich befürchte, um eure Schizophrenie des Glücks zu mäßigen, müsst ihr die eigene verwalten. Hört was sie sagt und folgt ihr lauschig! Ich lasse mich von Bruchlandungen nicht länger entmutigen, in gewisser Weise erfüllen sie sogar ihren Zweck, denn sie erinnern mich jedes Mal daran, an mich selbst zu glauben. Daran, dass es zwingend notwendig ist, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Zu kämpfen, aber nicht den Spaß aus den Augen zu verlieren. Abschließen möchte ich diesen Beitrag gemeinsam mit meinem zukünftigen Ehemann, der nach dem Lesen spontan das Aufgebot bestellt hat: Ein Hoch, auf das, was vor uns liegt! Kommt mithin nicht auf Scherben zum Stehen – es sei denn, ihr habt Botox in den Füßen.